POWER METAL.de /Germany/ – “Under Dogma” album review

Ethno-Prog-Rock? World Metal? Egal: Brillant!

Aus einer eher wenig als metallisch bekannten Ecke der Welt stammt DOGMA, nämlich aus Armenien. Wenn überhaupt kennt man dieses Land in der Rockwelt höchstens durch die Überflieger SYSTEM OF A DOWN, aber damit dürfte es sich auch bei dem meisten erledigt haben. Doch das werde ich jetzt ändern, denn ich habe DOGMA entdeckt. Eher zufällig bei einem Streifzug durch das Net, und ihr sollt daran teilhaben, denn das hier ist das beste Album, das ich dieses Jahr gehört habe.

DOGMA formte sich vor sieben Jahren, wobei zwei der Musiker bereits aufgrund anderer Projekte Erfahrungen mitbrachten. 2009 veröffentlichte die Band ihr Debüt “Ethnic-Methnic” und im Dezember 2013 folgte mit “Under Dogma” das hier besprochene Zweitwerk, das den großartigsten Prog Rock bietet, den ich lange gehört habe, dabei aber nicht mehr so heftig zu Werke geht wie der Vorgänger.

Die leichtfüßige Gitarrenmelodie, die das Album zu Beginn von ‘Sand Leopard’ eröffnet, mündet in ein schwermetallisches Riff, das dennoch luftig unterfüllt wird. Dann setzt Zara Gevorgyan ein und übernimmt den Song, treibt ihn in virtuose Sphären und drückt so eine zusätzliche Leichtigkeit aus. Dazu kommen Percussions und orientalische Melodielinien, die sich mit klassischen Metalriffs mischen und Rockkonventionen aufweichen, ohne sie über Bord zu werfen. Dabei wird die Exotik dadurch unterstützt, dass Zara auf Armenisch singt. Keine Angst, im Booklet sind die tiefsinnigen Texte, die von der Sängerin selbst geschrieben wurde, auch in englischer Sprache abgedruckt.

Im Folgenden variieren die Armenier geschickt, werden aber im Grunde folkiger und weniger hart rockend. Leichter Rock mit armenischen Folkeinflüssen folgt in ‘Who Has Seen’, bei dem zwar die Gesangslinie den Hauptakzent setzt, aber der Rest der Band den gutlaunigen Song in unnachahmlicher Weise schweben lässt. Ähnlich, nur viel melancholischer folgt ‘Who Are You For’. Hier darf Zara anfangs das Lied nahezu allein bestreiten, während die Band atmosphärische Unterstützung leistet, bis sie dann in bester BLACKFIELD-Manier das Lied an sich reißt. Das ist Folk, sicher, mitreißende Melodien und eine gewisse traurige Leichtigkeit sind allgegenwärtig, aber das Rezept wäre zu simpel, als dass es durchgehalten wird. Nein, mit ‘Expectation’ schließt sich ein Lied mit deutlich metallischen Ausbrüchen an, die von orientalischen Läufen und der unglaublichen Stimme Zaras gekontert werden. Unerwartet kommt das harte Gitarrensolo und die schlagenden Stop-And-Go JETHRO TULL-Akkorde.

Ein Highlight ist ‘Melancholy’, einer von vier Songs, die auf Englisch gesungen werden. Als Video produziert gewann die Band damit einen “Phoenix” bei den Caucasian Music Awards 2014. Schön und dem Namen alle Ehre machend beginnt das Lied, über ethnischen Percussions, steigert sich aber subtil in ein Crescendo, dass den Hörer mit großen Augen zurücklässt. Zara beeindruckt wieder einmal mit ihrer Präsenz und Intensität, die auch bei einem solch metallischen Ende nicht zurückweicht.

Als ob DOGMA beweisen wollte, dass hier auch Metal gespielt wird, darf in ‘Black’ sogar ein Gastmusiker namens Vardan Araqelyan Growls beisteuern, nur um danach mit ‘Hori-Loro’ einen so hübsch fließenden Song folgen zu lassen, dass man unwillkürlich mitwiegt. Trotz der Kontrapunkte bleibt der Grundtenor ähnlich. DOGMA ist eine Band, die sich einen Spaß daraus macht, Gegensätze zu zelebrieren, dabei aber ihre Basis aus Folk Rock und eingängigen, nachvollziehbaren Melodien nicht aus den Augen verliert. Alle zehn Lieder erhalten durch die wunderschöne Gesangsstimme den letzten Schliff, wären aber auch sonst von virtuoser, zerbrechlicher Schönheit.

Dass die Band schon einmal mit Ian Anderson aufgetreten ist, klingt als Einfluss sicher durch, während ‘Joyspread’ auch nach frühen KATE BUSH klingt und auch eine ähnliche Extravaganz an den Tag legt und eine mitreißende Fröhlichkeit verbreitet. ‘Joyspread’ eben. Mit zwei weiteren auf Englisch gesungenen Liedern endet das Album melancholisch, ein Album überbordend mit Ideen, einer unbändigen Spielfreude und doch gelegentlich der progressiven Ernsthaftigkeit eines STEVE WILSON.

Man muss sich Zeit nehmen für “Under Dogma”, sicher, es ist nicht die Art Musik, die man nebenher konsumiert. Aber wer seinen musikalischen Horizont ein wenig nach Asien erweitern will, findet hier erstklassiges Futter und dazu ein Stück Musik wie eine Schneeflocke, komplex und wunderschön, leicht und bewundernswert, gleichzeitig behaftet mit der Melancholy des Vergänglichen, der Relativität der kleinen Ereignisse, ein Feiern des großen Schwermuts und der kleinen Erlösungen.

Frank Jaeger

ORIGINAL SOURCE: HERE